Aus dem täglichen Wahn des Homo Schein

Marcel Reich-Ranicki und sein Gespräch mit Thomas Gottschalk – Und die Kritik dreht sich und dreht sich und…

with 2 comments

Am Freitag abend war es nun soweit und gestern kam gleich nochmal die Wiederholung: Das angekündigte Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki über seine offene Kritik am heutigen Fernsehprogramm bei der Verleihung des deutschen Fernsehpreises.

Was hat man in den letzten Tagen nicht alles darüber berichtet. Reich-Ranicki wurde belacht, geohrfeigt und nur von sehr, sehr wenigen unterstützt. Da hat sich die Branche in ihrem Wolkenkuckkucksheim aber ganz schon ans Bein gepisst gefühlt. Und jeder tut so als wäre das besonders mutig oder etwas ganz besonderes. Jeder Depp auf der Straße regt sich über das Fernsehprogramm auf! Nur, wenn es mal einer aus den eigenen Reihen tut dann hat er anscheinend gleich so ewtas wie die „Berufsehre“ verletzt. Scheiße produzieren, aber nicht darüber reden, heißt anscheinden das Motto.

Und genau darin liegt wohl das Problem, warum sich nie etwas ändert, weder in der Politik, noch der Wirtschaft, noch den Medien… Alle versuchen sie ein fehlerloses Bild nach außen zu projezieren. Und, wenn sie dabei Scheiße bauen, dann kann man das natürlich nicht offen zugeben, denn sonst wäre die Maske ja gestört… Doch zu jeder Verbesserung gehört nunmal das Sich-Bewusst-Machen des Fehlers. Wo soll man denn sonst auch ansetzen?

Aber wieder zurück zum Gespräch…😉 Thomas Gottschalk hatte eine Diskussion mit den Intendanten angekündigt. Die kniffen natürlich alle. Und am Ende saßen dann da nur noch Gottschalk und Reich-Ranicki und hatten eine halte Stunde Zeit den „Eklat“ beim Fernsehpreis vorzustellen, über die Preiverleihung zu sprechen, dann noch die Qualität der gesamten Fernsehlandschaft zu erörtern und dann natürlich am besten noch eine Lösung zu finden. Das ist in einer halben Stunde absolut machbar… Kritik galant im Kein erstickt.

Und dementsprechend fiel dann auch das Gespräch mit dem schönen Titel „Aus gegebenem Anlass“ aus. Den beiden blieb gar nichts anderen übrig als sich ständig im Kreis zu drehen. Und sie drehten sich und drehten sich und… Es hat schon einen Grund, warum bei kritischen Sendungen normalerweise mehrere Leute eingeladen sind. Ohne Schlagabtausch keine fließende und abwechslungsreiche Debatte. Das sieht man auch schon bei den Reden der Kanzlerkandidaten oder der TV-Duelle kürzlich wieder zwischen Obama und McCain.

Das einzig Interessante war, dass Gottschalk sehr schön seinen Beruf erklärt hat. Man nehme ein bisschen Volksnähe, eine Frau mit großem Ausschnitt, einen Formel-1-Fahrer und ein paar zotige Sprüche und schwupps, ist die Samstag-Abend-Show fertig…

Klar, dass die beiden bei dem Gespräch nicht über ein „Das Fernsehen ist blöd“ hinauskamen. Das Gespräch hätten sie sich damit auch schenken können. Aber für die Sender und eben die Kritisierten war es natürlich praktisch, denn Reich-Ranickis Rede beim Fernsehpreis wurde durch diese lahme Diskussion geschickt entschärft.

Natürlich, muss das Fernsehen auch unterhalten und natürlich müssen alle etwas davon haben. Nur der Verblödungstrend, der immer mehr zunimmt ist einfach zu offentsichtlich um ihn weg- oder schönzureden. Er ist ALLEN aufgefallen. Nur, haben Leute, die gerne fernsehen, keine Wahl mehr, also schaut man halt nen Kompromiss oder man ist einfach nur von immer blöder werdenden Konzepten fasziniert.

Zudem kommt noch, dass das Fernsehen innerhalb und außerhalb der Unterhaltung immer mehr zu einem reinen Medium der Propaganda verkommt. Unsere Gesellschaft steht so nah am Abgrund, die Finanzkrise wird erst der Anfang sein… Und das Fernsehen dient vor allem nur noch dazu das Volk weiter am Fortschrittsglauben festhalten zu lassen. Casting-Shows treiben mit ihren Kandidaten immer größere Psychospielchen und verbreiten schon bei Teenagern ein Leistungsprinzip, das gruslig ist. Und bei „Big Brother“ wird man schon mal schön auf die Überwachung und den Lügendetektor vorbereitet.

Die Verblödung ist das geringste Problem. Die Werte, die durch die meisten Sendungen unbewusst vermittelt werden, sind tausendmal schlimmer.

Journalisten predigen häufig weiter den Volksglauben, den die Politiker ihnen vorkauen. Fast nichts wird mehr richtig hinterfragt oder aufgedeckt. Ab und zu wird dann noch ein kleiner kritischer Film zum pseudo-aufrechterhalten der journalistischen Objektivität gemacht. Und, weil das so selten passiert, wird der dann in allen Feuilletons als DER Film oder DIE Doku hochgelobt. Ansonsten wird Sansations-Halbwissen à la „Galileo“ oder von Guido Knopp verkauft!!!

Oder wundert es einen noch, dass die meisten Journalisten von PR-Leuten verdrängt werden?

Diese paar Dinge sind nur ein paar der Probleme. So geht es mit fast allen Medien, denn sie werden genauso von der Wirtschaft kontrolliert, wie die Politik. Ein gefährlicher Teufelskreis!

Reich-Ranickis hätte der Anstoß zu all solchen Diskussionen sein können. (Nur eine hat wirklich darauf reagiert, Elke Heidenreich, und das rechne ich ihr hoch an!) Doch, wo hätten diese stattfinden müssen? Genau, im Fernsehen! Erkennt ihr nun die Manipulation? Das TV hat allein schon die Macht zu bestimmen, über was die Leute reden und über was nicht, was sie hören dürfen und was nicht…

Zum Glück gibt es noch Bastionen wie das Internet. Es hat schon einen Grund, warum Blogs in den deutschen Medien immer noch so geschmäht werden.

© nina

Written by mani1914

Oktober 19, 2008 um 14:13

Veröffentlicht in Glotze

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2 Antworten

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  1. Gottschalk war natürlich der ungeeignetste Gesprächspartner, weil er sich dagegen verteidigen musste, nur „Blödsinn“ zu produzieren. Wichtiger wäre tatsächlioch gewesen, dass sich die Intendanten von ARD und ZDF der Debatte stellten, denn die Kritik geht zuallerst an sie. Sie unterwerfen sich masiochistisch einem System, das nicht das Ihre ist. Mehr:

    http://www.blogsgesang.de/2008/10/19/das-elend-des-fernsehens-als-problem-der-oeffentlich-rechtlichen-sender/

    blogsgesang.de

    Oktober 19, 2008 at 16:37

  2. Ach, Gottschalk musste sich doch gar nicht verteidigen. Er mag es doch, sich selbst bis ins Absurde zu karikieren. Dieses Übermaß an Selbstironie soll wohl die eigene Niveaulosigkeit überspielen…hat leider nicht funktioniert.

    jan

    Oktober 19, 2008 at 19:20


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