Aus dem täglichen Wahn des Homo Schein

Lutz Heilmann und der Streisand-Effekt (v.1.01)

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Da hatte er es also gewagt, und ist zurück gerudert. Er ballerte mit Kanonen auf Spatzen und vergaß, wie man zielt. So oder ähnlich muss man betrachten, was der Linke Abgeordnete Lutz Heilmann am Wochenende los trat, als er versuchte, die Weiterleitung des freien Online-Lexikons Wikipedia Deutschland zu sperren, weil er in einem biographischen Artikel verunglimpft wurde.

Er selbst habe vorher mit dem Wikimedia e.V. darüber sprechen wollen, fand dort aber wenig Gehör. Er sah dies als letzte Chance, den ihn verunglimpfenden Artikel, samt Seite zu sperren. Der arme Lutz machte nur die Rechnung ohne den Wirt. Das was man den Streisand-Effekt nennt, schlug voll zu und innerhalb weniger Tage lasen mehr als eine halbe Million Menschen den Artikel, der zwar nicht mehr über Wikipedia de zu erreichen war, die Suchfunktion im Browser jedoch tadellos jede Suchanfrage auf die Server der Wikipedia Foundation in San Francisco, auf denen die deutschen Beiträge gespeichert sind, weiterleitete.

reichstagsbrand

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Witzig, witzig, was so ein kleiner Nebeneffekt der vernetzten Welt bewirkt. Ein multinationales Unternehmen ist für kleine regionale Gruppen und Individuen nicht zu stoppen. Erst die Platzierung der Nachricht über die Sperrung in den Medien trat die Lawine los, die Lutz dann endgültig überrollte. Die Menschen wollten wissen, wer das denn sei, und sie erbosten sich fürchterlich. Innerhalb kürzester Zeit entlud sich ein Welle der Empörung, die zuweilen beleidigende und verletzende Töne annahm. Die Spendenseite des Vereins Wikimedia e.V., die die Weiterleitung betreibt, erlebte auch hier, dass viele Kommentare eine deutliche Sprache sprachen. Das prekäre an der Situation war die Vergangenheit des Abgeordneten, die er auch nicht leugnete, denn die verunglimpfenden Äußerungen, um die es ging, waren innerhalb weniger Stunden aus dem Beitrag entfernt worden, zum Teil mit sehr reger Diskussion.

Darauf hin erklärte Heilmann, dass er keine weiteren Begehrlichkeiten gegen Wikimedia hege, und die Verfügung fallen lassen wolle, was dann auch am Montag Mittag geschah.

Bei all dem Hickhack, dem regen beteiligt sein von so manchem „aufrechten Demokraten“ ist eines erschreckend: Gebt ihnen ein Feindbild, verklärt sie und sie folgen jedem Führer, er braucht nur die Fahnen der „Freiheit“, des „persönlichen Glücks“ und der „Wahrheit“ zu schwenken, und das dumpf schwitzende Volk rennt hinterher, und hinterfragt auch nicht, als gäbe es nichts anderes. Dieser Eindruck will sich einem einprägen, verfolgt man Kommentare und Forenbeiträge. Es gab auch einige sehr besonne Beiträge, die darauf hinwiesen, dass es Missbrauch und Verunglimpfung in allen Parteien gibt und gab. Denn es sind nicht immer die bösen bösen anderen, die Mensch sich so gern in seine Wahrnehmung einbaut. Es gibt auch in den etablierten Parteien Bestrebungen zur Beschneidung der Grundrechte, eine Tendenz zu immer mehr Spitzelei, mehr Kriminalisierung und dem schüren von Ängsten, aber es geht weg von der plumpen Art der direkten Existenzbedrohung.

Unser Zwang zur Systemkonformität ist selbst auferlegt, ist subtil, und greift den Menschen nicht mehr direkt an, man macht es indirekt.

Damit ist der Eindruck erweckt, das System sei schließlich nicht „Schuld“ an der misslichen Lage des einzelnen. Wer die Realität erlebt hat, die einem entgegen schlägt, wenn man am Rande dieser Gesellschaft lebt, erkennt sehr schnell die perfide Art und Weise, mit der hier missliebige Meinungen ausgeschaltet werden, wie Schacher um Posten und Pensionen betrieben wird und wie Recht und Gesetz so lange strapaziert wird, bis sie ins Gegenteil umschlägt.

Das gleiche gilt für die Meinung vieler, die beeinflusst von den Massenmedien und der Oberhoheit der etablierten Institutionen über Meinungsbildung sind, und die selbst so sehr verfilzt sind mit den anderen Säulen der Machtausübung, der Wirtschaft, also der Kontrolle der Ressourcen und des Kapitals, der Politischen, also der gesellschaftliche Rahmen und die öffentliche Ordnung, aufrecht erhalten durch Justiz und Judikative, dass eine freie Meinungsbildung immer mehr zur Farce verkommt. Wer miterlebt, dass immer mehr PR-Fachleute in die Redaktionen der Verlage und der Medien einzug halten und immer stärker die Arbeit von Journalisten übernehmen, der muß sich nicht mehr fragen, warum die Meinungsbildung der klassischen Medien nicht mehr funktioniert, und warum die Mär von mehr Wettbewerb = Qualität eine Lüge ist.

freedom_not_fearUnd Hierzu muss bemerkt werden, dass das „System“, in dem Menschen leben nichts anderes ist, als eine Ordnung zur Machterhaltung. Wie „Frei“ dann eine Gesellschaft letztendlich ist, hängt nicht davon ab, in welchem „System“ wir leben, sondern wie sehr wir bereit sind, unsere Rechte zu verteidigen. Das System ist nichts anderes als der Ordnungsrahmen, den wir Menschen uns auferlegen, um miteinander auszukommen. Denn bricht das System zusammen, dann oft auch das menschliche Miteinander.

© .co


Geschrieben von mani1914

November 18, 2008 um 0:11

Veröffentlicht in Das große BlaBla

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