Thomas Bernhard hätte geschossen… – Georg Schramm hätte schießen sollen
Nein, das soll kein Aufruf zu einem Anschlag werden. Es ist auch nicht das große Kabarett-Komplott. Und all wir „Zyniker, Kulturpessimisten und ewigen Hinterfrager“ planen auch nicht die Weltherrschaft. Obwohl…
Gestern Abend haben wir uns den politischen Kabarettisten Georg Schramm in den Berliner Wühlmäusen angeguckt. Und was soll man sagen, es war einfach genial und sehr heilsam. Es tut so gut zu sehen, dass es noch Menschen gibt, die ihre Meinung sagen, sie dabei noch in Kunst packen können und sich dabei nicht vom allgemeinen Manipulations-BlaBla und der Propaganda der Medien einlullen lassen.
Schramm schlüpft während seines Auftrittes in immer wieder andere Rollen, wechselt diese von einer Sekunde auf die andere und hält sogar alleine auf der Bühne Dialoge zwischen den einzelnen Charakteren. Jede dieser Figuren ist ein gut beobachtetes Bild von Teilen unserer Gesellschaft. Ob es nun der revolutionäre Rentner Lothar Dombrowski ist, den Schramm rigoros die Wahrheit gegen unser System aussprechen lässt und so eine Art extremeres und cholerischeres Alter Ego zum Kabarettisten selbst bildet (vielleicht
), oder der abgehakt sprechende Oberstleutnant Sanftleben, der die Maske des Militärs enttarnt, Schramm beherrscht sie meisterlich.
Doch bei allem Humor, den viele jetzt wieder als zynisch abtun werden, haben seine Figuren auch immer mal wieder leise und tragische Momente, wenn beispielsweise ein Rentner vom Pflegefall seiner Frau erzählt oder Dombrowski über seinen Selbstmord nachdenkt. Immer wieder spiegeln sich in solchen Szenen die Realität wieder.
Was nützt aber all diese Genialität im Angesicht des althergebrachten Kabarettpublikums? Lehrer, Ärzte, sogar ein Politiker waren da… Alle gut saturiert und jenseits jeglicher Kritik. Sie wollen das System nicht hinterfragen. Sie wollen anscheinend nicht nachdenken. Sie gehen dorthin, weil es Kultur ist, weil man seine letzten Vorräte an Gold mal wieder ausführen kann. Sie wollen den letzten Rest ihres Alt-68er-Gewissens, das irgendwo zwischen Kommerz, Konsum und Profit irgendwo in ihnen ruft, besänftige, damit sie sich zuhause noch ein schönes Gläschen Wein in ihrem Einfamilienhaus gönnen und alles, was Schramm gesagt hat schnell vergessen.
In der Pause habe ich ein paar Leute belauscht. Wir waren hoch motiviert, haben uns nach Schreiben, nach Austausch über mögliche Ansätze zur Weltverbesserung gefühlt (Hochgefühl und Inspiration pur
). Und um uns herum standen nur Menschen, die über seine Outfits, seinen nachgemachten Dialekt oder seine Kalauer gesprochen haben. Wörtliches Zitat: „Also dieser Rentner, den er da spielt, der ist ist mir immer etwas zu krass.“
WARUM ZUM TEUFEL GEHT IHR INS KABARETT?! Bloß nicht denken oder gar das bestmöglichste aller Systeme hinterfragen. Schramm hat begriffen, dass nicht einzelne Menschen, wie Ackermann oder Schäuble, das Problem sind. Es ist das ganze beschissene System! Die sind nur Marionetten, Avatare, wie Hagen Rether es nennt. Zudem wollte er deutlich machen, dass wir alle das marode System erkennen. Wir sehen alle, dass wir nur noch verarscht werden. Und statt gemeinsam etwas zu tun wird unter uns der Hass geschürt. Links, rechts, liberal, die neue Mitte, die alte Mitte, oben, unter oder vielleicht vertikal, horizontal ist auch schön… All dies ist vollkommen egal Angesichts des großen Unrechts, das ein paar wenige einer großen Masse antun!
Und Schramm sieht sein Publikum, ist vorher schon darüber verzweifelt, hört wie es bei Kalauern lacht, wie es sich bei billigen Witzen wegschmeißt, mit denen er eigentlich die Dummheit der Leute zeigen wollte… Und was macht er? Nach dem Applaus, kurz bevor alle saturiert nach Hause gehen wollen und ihr Restgewissen zum Schweigen gebracht haben. Lässt er folgenden Text von Thomas Bernhard einspielen (übrigens von Dieter Hildebrandt gelesen):
„Ein eigenwilliger Autor
Ein Autor, der nur ein einziges Theaterstück geschrieben hat, das nur ein einziges Mal auf dem, seiner Meinung nach besten Theater der Welt und genauso seiner Meinung nach nur von dem besten Inszenator auf der Welt und genauso seiner Meinung nach nur von den besten Schauspielern auf der Welt aufgeführt werden durfte, hatte sich schon bevor der Vorhang zur Premiere aufgegangen war, auf dem dafür am besten geeigneten, aber vom Publikum überhaupt nicht einsehbaren Platz auf der Galerie postiert uns sein eigens für dessen Zweck von der Schweizer Firma Vetterli konstruiertes Maschinengewehr in Anschlag gebracht und nachdem der Vorhang aufgegangen war, immer jedem Zuschauer einen tödlichen Schuss in den Kopf gejagt, welcher seiner Meinung nach, an der falschen Stelle gelacht hat. Am Ende der Vorstellung waren nur noch von ihm erschossene und also tote Zuschauer im Theater gesessen. Die Schauspieler und der Direktor des Theaters, hatten sich während der ganzen Vorstellung von dem eigenwilligen Autor und von dem von ihm verursachten Geschehen, nicht einen Augenblick stören lassen.“
Einfach toll! Selten habe ich mich so gefreut und selten habe ich so verdutzte Gesichter im Kabarett gesehen. Und auch, wenn ich auch im Publikum saß und manchmal bestimmt auch eine Kugel verdient hätte, hätte ich dafür Georg Schramm fest drücken wollen. Denn er hat mir wieder einmal aus der Seele gesprochen.
Nun ist auch klar auf wen Thomas Bernhard geschossen hätte. Nicht nur auf die blöden Avatare da oben an der Macht, sondern auch auf uns, weil wir uns berieseln lassen und ständig in Kämpfen untereinander Gesagtes wieder- und wiederkäuen. Schramm ist nicht radikal, Schramm sagt die Wahrheit! Auch, wenn ihr sie nicht hören wollt. Er ist nicht zynisch, die Realität ist zynisch. In seinem Humor fasst er unser ganzes krankes Gefüge zusammen.
Danke Georg Schramm! Irgendwo muss es noch Hoffnung geben…
© nina

